Interview mit Johannes Wüller (Home Care Aachen)

Dieses Interview entstand im April 2008. Es stellt Auszüge aus einem Gespräch zwischen Martina Pestinger (Phönix Aachen) und Johannes Wüller (Home Care) dar.

P: Bitte erzähle mir von Deinen Erfahrungen mit Familien, Kindern und Jugendlichen in deiner Funktion als Arzt im Home Care Team.
W: Ja, also das trifft sich soweit eigentlich ganz gut, denn ich habe gerade, ausgerechnet eben heute noch eine Familie begleitet. Die Oma ist sehr krank, gewesen und ich will vorausschicken, dass diese Patientin heute gestorben ist. Sie hatte einen sehr kurzen Krankheitsverlauf von nur wenigen Monaten, einen Blasenkrebs, der aber auf den Unterbauch übergegriffen hatte, wo jetzt innerhalb von wenigen Tagen eine massive Verschlechterung aufgetreten ist. Die dazu geführt hat, dass die Patientin innerhalb kürzester Zeit bettlägerig wurde.  Und auch die Diagnosestellung liegt nur wenige Monate zurück, so dass die Familie im Prinzip noch ein bisschen unter Schock stand.

P: Mmmh, was glaubst Du, wie war das für diese Familie, dass alles so sehr schnell ging?
W: Die Patientin ist zur Tochter gezogen,  jetzt wo es ihr so schlecht ging. Und das sagte die Tochter ganz klar: „Im Prinzip ging das alles für uns viel zu schnell, wir können es eigentlich noch gar nicht begreifen. Vor ein paar Tagen noch sind wir zusammen draußen gewesen und haben Erledigungen gemacht und sie hat für uns gekocht, wir haben vorgestern noch ein langes Gespräch geführt bis mitten in die Nacht und jetzt auf einmal steht es so schlimm.“ Und mit im Haushalt lebt eben auch die Enkelin, also die Tochter der Tochter, ungefähr vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Die Tochter der Patientin hatte Zweifel daran, ob sie stark genug für die anstehenden Entscheidungen, aber auch für die Durchführung der ganz praktischen Dinge, wie die Versorgung mit Medikamenten bis hin zum Spritzen von Schmerzmitteln unter die Haut war. Und da meldete sich die 15 jährige Enkelin und sagte: „Demnächst werde ich ja mein Praktikum machen und da möchte ich beim Tierarzt arbeiten und so.“ Und obwohl sie jetzt auch sehr betroffen war von diesem Schmerz, schaute sie ganz genau zu und ließ sich erklären wie man das handhabt. Und so fühlte sie sich auch in der Lage, da mit einzuspringen.

P: In dieser Familie war es also eher diese nächste Generation -  die Enkelin -  die stark sein konnte?
W: Ja genau.

P: Würdest Du sagen, dass es dieser Familie o.k. war, dass die Enkelin gerade zu dem Zeitpunkt so stark sein durfte?
W: Ich hatte auf jeden Fall den Eindruck, dass das zugelassen wurde. Zuerst gab es auch Bedenken der Eltern und sie versuchten die Tochter zu bremsen und sagten: „Du brauchst jetzt auch Trost.“ Also das war schon so eine wechselseitige Beziehung des gegenseitigen Helfens und Stützens in dieser Not und in dieser schlimmen Phase, in dieser schlimmen Situation. Das war dann wiederum sehr schön.

P: Also wurde dennoch mit Fürsorge darauf geachtet, die Jugendliche nicht zu überfordern, aber sie durfte auch stark sein.
W: Ja.

P: Okay. Bleiben wir noch mal bei dem Thema Familie und all ihrer Unterschiedlichkeit. Habt Ihr auch Erfahrungen mit Familien, wo diese schwere Zeit nicht so gut gelingt?
W: Ja, das kommt mindestens genauso häufig vor, dass viele Probleme in der Familie sind und der Umgang miteinander auch schwierig ist. Bei Jugendlichen, wo möglicherweise sowieso das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern gerade in einer Phase ist, wo es viel Stress gibt, wo es viel Zoff gibt und wo die Eltern eben auch nicht gerade Vertrauenspersonen sind. Kommt dann noch eine Krise wie der Tod eines wichtigen Menschen hinzu, kann es problematisch werden. Wir merken dann manchmal, dass diese Kinder sich allein gelassen fühlen oder sich selbst stark zurückziehen und nicht den Kontakt zur Familie suchen. Also ich erinnere mich noch gut an eine Betreuung die wir hatten: eine junge Frau , so in der Vierzigern, sie hatte Krebs und ist daran gestorben. Die Familie war eine sogenannte Patchworkfamilie, sprich: da waren eben auch Kinder aus einer früheren Beziehung da. Die ca.  vierzehnjährige Tochter hatte sich ziemlich abgeschottet. Wir erlebten bei Hausbesuchen, dass sie die Tür zuschlug, dass sie sich in ihrem Zimmer einschloss, die Musik einfach auf Anschlag stellte und den Kontakt zur Familie im Prinzip vermied. Die Patientin, also ihre Mutter, litt darunter. Sie wusste, ich bin in dieser schwierigen Situation, ich bin hier unten im Wohnzimmer, ich bin bettlägerig, ich kann nicht raufgehen und an die Tür klopfen und ich werde bald sterben.

P: Dass die Kraft nicht reicht, um Konflikte jetzt konstruktiv anzugehen?
W: Ja. Und der Ehemann, also der Stiefvater dieses Mädchens hatte erstens mal unglaublich viel damit zu tun, die ganze Versorgung zu Hause zu organisieren und er musste auch seinem Beruf nachgehen. Wahrscheinlich war auch er mit seiner Trauer und allen Aufgaben überfordert. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass er nicht der leibliche Vater der Kinder war. Aber die Situation ist letztendlich nicht gut ausgegangen. Es ist, soweit ich weiß, auch nicht zu einer guten Lösung für die Kinder gekommen. Und das sind Situationen, die wir öfter sehen, wo wir uns eben vorstellen können, dass die Kinder auch sehr einsam sind.

P: Ja,  dass sie die Mutter verloren haben und auch jeglichen Halt verlieren.
W: Genau.

P: Ok. Hast Du eine Idee, was für diese Familien eine Hilfe sein könnte?
W: Manchmal geht es darum, sich zusammen zu setzen und miteinander zu sprechen. Und wir machen die Erfahrung, dass eine unterstützende Beratung ein unschätzbares und hervorragendes Angebot ist, wenn es wahrgenommen wird. Ich weiß, dass Frau Mainz aus der Psychoonkologischen Praxis Dr. Petermann-Meier diese Unterstützung anbietet. Aber wir wissen auch, dass sich eben viele Familien das nicht vorstellen können. Und gerade viele ältere Kinder und Jugendliche, die in einem Alter sind, wo sie das selber entscheiden können und selber entscheiden wollen, sagen: ich will das nicht, das ist Psycho.

P: Was glaubst Du, was in den Jugendlichen dann vorgeht?
W: Nun, ich glaube, wir werden manchmal als Teil des „Bösen“ – der Krankheit,  wahrgenommen.  Wir sind auch ganz alt und erwachsen und haben aber auch so von unserer Tätigkeit her als Ärzte und als Krankenpfleger mit dieser Erkrankung zu tun. Wir sind da irgendwo besetzt, wir gehören dazu, zu diesem System, das zu dieser Krankheit gehört. Ich kann mir vorstellen, dass die Kinder und Jugendlichen sich irgendwo sehr vernachlässigt fühlen, weil sich alle Hilfe auf den Patienten oder die Patientin konzentriert. Es dreht sich auf einmal alles nur um die Krankheit. Aber die Kinder und Jugendlichen haben eben auch andere Sorgen und Nöte. Sei es Probleme in der Schule oder Liebeskummer oder nur der Alltag. Dies alles spielt auf einmal gar keine Rolle mehr oder wenn dann nur noch eine ganz kleine.

P: Ja ich glaube das spiegelt sehr gut den inneren Konflikt wider, in dem Jugendliche sich befinden. Wenn Du ein Angebot für eine Familie machst, wie sieht dies denn aus? Also würdet ihr dann sagen: ja wir setzen uns dann auch mal hin und reden?
W: Also klar, in erster Linie sind das Gespräche. Und in diesen Gesprächen sind wir auch in erster Linie Zuhörer. Wir versuchen zuzuhören und zu verstehen, was los ist. Ganz schlecht wäre, wenn wir versuchen würden gute Ratschläge zu erteilen oder irgendwie versuchten abzuwiegeln und zu sagen: schau mal, es ist alles gar nicht so schlimm, sei doch mal froh, die Mama kann wenigstens zu Hause sein, oder so. Das trifft glaube ich nicht den Kern der Sache. Und was man einfach sehen muss und anerkennen muss, ist, dass manche dieser Situationen einfach so unglaublich schlimm sind und so wehtun, dass man sich das kaum vorstellen kann, wenn man es nicht selbst erlebt hat.

P: Das denk ich auch. Dann würde ich Dich ganz gerne zum Abschluss noch fragen, wie du die Idee des Phönix Projektes findest, Jugendliche mit ähnlichen Erfahrungen miteinander in Kontakt zu bringen. Also auch zu sagen, es gibt noch andere, die in einer ähnlichen Situation sind.  Was denkst Du über diese Idee?
W: Also ich bin von dieser Idee sehr angetan. Ich halte das Medium für ideal, zumindest um den Einstieg zu erleichtern. Auch die Möglichkeit für Jugendliche miteinander in Kontakt zu treten. Und ich bin davon überzeugt, dass es vor allem deswegen gut ist, weil in einem solchen Projekt wie Phönix die Jugendlichen trotzdem nicht damit alleine gelassen werden. Denn da hätte ich große Sorge. Es gibt ja genügend Beispiele dafür: Chatrooms, Newsgroups und Internetseiten die mysteriös sind, die schillernd sind und wo eine gewisse Gefahr besteht, dass das abgleitet. Aber gute Projekte gibt es auch schon, in anderen Städten und Regionen, wo etwas ähnliches wie Phönix schon verwirklicht wurde und sehr erfolgreich ist. Also ich kann nur sagen, ich bin sehr froh darüber, dass jetzt hier in Aachen auch ein Projekt für Kinder und Jugendliche entsteht. Und ich glaube, dass es uns in unserer Arbeit sehr helfen wird. Denn aus der Praxis wird deutlich, dass es eine Lücke in der Betreuung von Jugendlichen gibt. Und von daher habe ich da sehr große Erwartungen und freue mich sehr darauf.